Heute schreibe ich euch das letzte Mal aus dem schoenen Varanasi, das ich leider schon verlassen muss um nach Kalkutta zu reisen.
Es gibt einiges zu erzaehlen, man kann sogar sagen, dass ich in Varanasi nahezu noch mal das gleiche ueber die indische Kultur gelernt habe, wie vorher zusammen!!
Am ersten Tag bin ich mit Chan (dem Koreaner, mit dem ich eine Zeit gereist bin und den ich hier wiedergetroffen habe) zur Hindu-Benares-Universitaet gegangen. Die haben einen schoenen Campus zum rumlaufen. Man kann so ziemlich alles studieren, es ist die groesste Uni in Indien (15000 Studenten, min. 2000 Auslaender).
Wir sind danach die Ghats (Ufer) abgelaufen, wo man die Sadhus (heilige Maenner) sieht. Mir wurde gesagt, dass die Sadhus in Organisationen organisiert sind, die durch Spenden dafuer sorgen, dass die Sadhus Essen, Wohnung usw. bekommen. Je nach ihrem Rang tragen sie Kleider oder im hoechsten Stand sind sie komplett nackt. Um ein Sadhu zu werden wird der komplette Koerper mit Asche eingerieben, was einer Art Beerdigung des alten Lebens gleichkommt. Deswegen werden sie beim Tode auch nicht verbrannt (wie alle anderen Inder), sondern beerdigt oder einfach so in den Ganges geworfen.
Die Nagas (nackte Sadhus) werden mit einem Seil um die Eier oder mit anderen aehnlich brutalen Methoden kastriert, damit sie sich komplett dem spirituellen Leben widmen koennen.
Sadhus sind (so ist es in der Kultur veranlagt) auch die einzigen, denen es gestattet ist zu kiffen (um sie naeher zu den Goettern zu bringen).
An den Burning Ghats werden die Leichen verbrannt. Es ist leider nicht gestattet Fotos zu machen, aber ich habe doch heimlich welche geknipst 🙂
Die Stellen, wo die Leichen verbrannt werden sind streng nach Kasten gegliedert. So werden die Armen direkt am Ufer verbrannt, weiter oben die Kaufleute, dann die Soldaten und es gibt eine erhoehte Plattform fuer VIPs.
Die Leichen werden in einer Prozession durch die Gassen der Stadt getragen, wobei sie in ein Tuch gehuellt sind. Alte Maenner kriegen ein goldenes Tuch, junge Maenner ein weisses und Frauen ein rotes Tuch. Sie werden gewogen, die Stufen zum Ganges runtergetragen und in ihn eingetaucht. Danach wird je nachdem wie viel Geld die Familie bezahlt hat aus drei verschiedenen Baumtypen ausgewaehlt, die unterschiedlich teuer sind und das Holz aufgeschichtet. Es ist eine Kunst dabei genauso viel Holz aufzuschichten, dass am Ende Holz und Leiche vollstaendig verbrannt sind. Die Asche wird dann aufgesammelt und in den Ganges gestreut.
Varanasi ist der heiligste Ort Indiens und es ist der Traum jedes Inders mindestens einmal hier gewesen zu sein, oder am besten hier zu sterben und verbrannt zu werden (um dem Rad der Wiedergeburt zu entgehen).
Jeden Tag baden sich geschaetzte 20 Mio. Menschen im Ganges der durch die Asche und die Blumen etc. sehr dreckig ist. Er soll fast keinen Sauerstoff mehr enthalten.
Heute war das Shivatri-Festival bei dem Shiva, dem Zerstoerer, gehuldigt wird. Es soll der Tag gewesen sein, an dem er Parvati geheiratet hat. Im ganzen Land, aber vor allem hier, machen sich die Leute am Vorabend auf einen 100 km langen Weg durch verschiedene Tempel, barfuss und ohne Essen und beten zu Shiva. An jedem Tempel duerfen alle Bhang Lassi (ein Marihuana-Derivat in einem Jogurt-Drink) trinken. Dementsprechend breit kommen sie am naechsten Morgen dann auch wieder an den Ghats an 🙂
Heute habe ich das Treiben am Nachmittag beobachtet. Die Menschen versammeln sich um die Shiva Tempel um zu singen, Musik zu machen und zu beten. Danach schenken die Tempel kostenlos Essen und Bhang Lassi aus, worum sich die Leute regelrecht pruegeln. Alle duerfen Trinken (an diesem Tag ist es legal!!), sogar kleine Jungs und Maedchen und Babys kriegen ein Glas.
Also ist natuerlich die ganze Stadt irgendwann voelligst breit und man laeuft staendig in Gruppen von Indern, die mit dir reden wollen und Fotos machen wollen, aber selbst kaum noch stehen koennen 🙂
Ich werde das Treiben jetzt noch mal ein paar Stunden geniessen, bevor ich nach Kolkata abduese (15 Stunden Zugfahrt!).
Und noch mal fuer alle die es interessiert meine Ausgaben in Indien (um zu widerlegen, dass Reisen sooo teuer ist):
Ich habe jeden Tag ca. 8,75 EUR ausgegeben (im Schnitt). Eingeschlossen ist Reisen, Wohnen, Essen und Sightseeing. Wenn ich weniger Sightseeing gemacht haette (zum Beispiel den teuren Taj Mahal etc.) oder weniger Spenden und Krams gegeben haette waere ich mit ca. 7 EUR pro Tag rumgekommen. Die Ausgaben an einem normalen Tag ohne Reisen betragen zwischen 200 und 300 Rupees (4-6 EUR).