Varanasi: Ich lache…
Ich lache, ueber die Dummheit der Menschen, ueber den Egoismus und die Missachtung den anderen gegenueber. Ich lache ueber das Resultat eines uebertrieben gelebten Kapitalismus, in dem man ohne Geld nichts ist und um sein Leben kaempfen muss und jeder Cent entscheidend ist.
Ich lache ueber die Inder, die um ihres eigenen Wohls Willen ueber Leichen gehen wuerden, denen das Leben ihrer Mitmenschen nichts wert ist, es sei denn, es bringt ihnen auch was. Ich lache ueber ein gescheitertes Kastensystem, das immer noch eine Hierarchie und eine unterschiedliche Wertigkeit des Lebens hier aufrecht erhaelt.
Ich spreche von einem Indien, das auch ein Deutschland sein koennte oder ist (mit dem Unterschied, dass wir in Deutschland weniger Menschen sind und ein gewisses soziales System haben, noch!)
Warum?? Ich bin heute in Varanasi angekommen und nachdem ich mit drei Reeksha-Fahrern verhandelt hatte, bis mich einer dorthin bringen wollte, wo ich hin wollte und nicht zu einem Hotel, wo man ihm eine saftige Provision auszahlen wuerde, ging es los. Wir fuhren mit der Fahrradreeksha bis zu einer Kreuzung auf der sich ein Stau gebildet hatte. Die Autos, Fahrraeder, Motorraeder, Mopeds, Fussgaenger, Reekshas usw. blockierten sich gegenseitig und die Strasse, so dass es keinen Zentimeter mehr vorwaerts oder rueckwaerts ging. Von alleine gab man natuerlich keinen Meter Raum auf, besser man hupt einfach so viel und so lange bis sich alle Probleme von alleine loesen!
Natuerlich tun sie das nicht! Also standen wir ca. 20 Minuten auf dieser Kreuzung rum, bis ein Polizist den Verkehr mit Gewalt geregelt hatte. Und warum passieren solche Sachen hier und nicht in Deutschland?
Natuerlich haben wir Ampeln und Verkehrsregeln, die eingehalten werden, aber es ist natuerlich auch eine Mentalitaetsfrage! Man will dem anderen keinen Platz machen, weil man selbst ja der erste sein moechte, der die Kreuzung ueberquert. Genauso ist es ja auch nicht wichtig, was der andere will, denn ICH will ja ueber die Kreuzung!
Die Inder sind ein ruhiges Volk, solange es nicht um belanglose Dinge geht.
In den Zug einsteigen oder gar aussteigen gestaltet sich als nahezu unmoegliches Vorhaben. Man laesst die Fahrgaeste naemlich nicht aussteigen, bevor man selbst eingestiegen ist, und das ist auch gut so! Man muss ja schliesslich so schnell wie moeglich einen Sitzplatz ergattern um nicht stundenlang stehen zu muessen. Warum also eine Schlange bilden, wenn man selbst durch Vordraengeln der erste sein kann.
Ein gesunder Menschenverstand?? Fehlanzeige!! Achtung seines Naechsten?? Wieso denn bloss?
Das ist das alltaegliche Indien, die Shizophrenie zwischen Gastfreundschaft und Abzocke, zwischen Gelassenheit und Draengeln, zwischen Naechstenliebe und Egoismus.
Zum Glueck geht mein Flug nach Thailand am 20.2. aus Kolkata.
Ich habe Delhi hinter mir gelassen, die dreckige und zur Zeit verregnete Hauptstadt, in der man zwar gut shoppen, aber nicht so gut (und vor allem guenstig) wohnen und sightseeing betreiben kann.
Jetzt bin ich in Varanasi, der heiligsten Stadt aller Hindus, wo man verbrannt und in den Ganges geschuettet werden will, denn nur so kann man aus dem Kreis der Wiedergeburt ausbrechen. Das das ganze den Ganges total verschmutzt, er grossteils keinen Sauerstoff mehr im Wasser hat und die Natur stirbt, das ist nebensaechlich, denn Natur, wofuer braucht der Mensch das schon?? Vielleicht ist das der Grund warum die Hindus Goetter fuer alles ausser die Natur haben.
Dir Fahrt war ein anstrengender und doch lustiger 14-Stunden-Zugfahrmarathon mit einem Amerikaner, der seit 25 Jahren in Japan lebt, einem Argentinier, der in der ganzen Welt lebt und Kunsthandwerk verkauft und zwei indischen Hollaendern, die in der vierten Generation in Holland wohnen, und das erste mal ihr Land besuchen.
Es regnet, es ist ueberfuellt und die Gassen sind eng. Das ist zumindest mein erster Eindruck.
Ich melde mich wieder an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit und in einer anderen Stimmung. Aber momentan ist verzweifelter Sarkasmus wohl das einzige was hier noch hilft 🙂